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News

Katarzyna Kozielska — Choreographin

»Ich setze alle Gewerke in Beziehung«

Form + Bewegung

Katarzyna Kozielska

Die Polin Katarzyna Kozielska gilt als Shootingstar einer neuen Generation von Choreographen. Ihr jüngstes Werk »Aufbruch« handelt von 1919 – dem Jahr, in dem das Bauhaus gegründet wurde

Interview

Frau Kozielska, lässt sich das Bauhaus in Tanz übersetzen?
Man kann alles tanzen, wovon man eine Vision hat. Das ist zumindest bei mir so. Natürlich bin ich nach Weimar gefahren und habe zum Bauhaus recherchiert. Da gibt es im Jubiläumsjahr eine Menge Material. Vor allem aber ging es darum, einen Punkt zu finden, der mich persönlich packt.

Was genau hat Sie gepackt?
Dass sich Menschen im Jahr der Krise, der Weltkrieg war gerade zu Ende, hinstellen und sagen: Wir fangen etwas ganz Neues an, und damit werden wir die Welt verändern. Das beeindruckt mich, diese Haltung hat mich sofort angesprochen.

Beim Bauhaus heißt es: »Das Endziel aller bildnerischen Tätigkeit ist der Bau« …
… und beim Tanz zielen wir auf die Bewegung – also das genaue Gegenteil von Statik. Wir erschaffen Skulpturen mit unseren Körpern. Meistens bestehen sie nur für einen Moment. Doch genau darüber drücken wir uns aus. Die Großen unter uns schaffen es, das auf ganz eigene Art und Weise zu tun. An dieser Stelle berührt das Handwerk die Kunst.

Das Bauhaus verband Kunst und Handwerk – Walter Knoll lebt diese Tradition: Kreation, Handarbeit, Ingenieursleistung, alles fließt kongenial zusammen.
Genau, auch ich will Grenzen auflösen! Für mich liegt der Schaffensprozess darin, alle Gewerke in Beziehung zu setzen. Für »Aufbruch« habe ich zuerst das Bühnenbild bauen, dann die Kostüme schneidern und die Musik komponieren lassen. Schon dieser Vorgang ist typisch Bauhaus. Am Ende entsteht ein Raum, in den ich meine Choreographie hineinentwickeln kann. Ich höre die Musik immer wieder, bis sie sich in meinem Kopf in Bewegung verwandelt.

Bei Walter Knoll machen wir unendlich viele Skizzen, bauen Modelle. Wie halten Sie Ihre Ideen fest?
Ich entwickle alles im Kopf. Solange ich weiß, was ich sagen will, baut sich die Bewegung von allein auf. Wenn ich etwas vergesse, ärgert mich das nicht, weil es dann wohl nicht funktionierte. Andernfalls hätte ich es behalten.

Sie schreiben gar nichts auf?
Wenn ich etwas aufschreibe, verstehe ich später nicht mehr, was ich gemeint habe. Ich muss es tanzen. Auch wenn ich nicht mehr auftrete – mir ist wichtig, dass ich jede Figur, die ich von meinen Tänzern verlange, noch selbst tanzen kann. Darum probe ich häufig zunächst allein im Studio. Da kann ich meinen Körper fragen, wie man etwas ausdrücken kann.

Wie haben Sie zum Choreographieren gefunden?
Ich bin vor zehn Jahren Mutter geworden und habe eine Babypause eingelegt. Danach habe ich meine erste Choreographie entwickelt. Früher habe ich gemalt und Skulpturen gemacht, aber die Sachen wurden nie so, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Bei der Choreographie wusste ich sofort: Das ist es!

Wie sehen Sie Ihre Zukunft?
Ich werde immer meiner Vision folgen. Das ist das, was ich auch am Bauhaus verstehe. Ich sehe das, was ich sehe, und frage nicht warum, sondern folge ihm. Es gibt gar keine andere Möglichkeit.


Zur Person

Katarzyna Kozielska absolvierte ihre Ballettausbildung an der John Cranko Schule, einer der renommiertesten Akademien der Welt. Anschließend tanzte sie für achtzehn Jahre in der Compagnie des Stuttgarter Balletts. Seit 2011 entwickelt sie eigene Tanzstücke, darunter Soli für den Deutschen Tanzpreis, eine Hommage an John Cage und Auftragsarbeiten für das Stuttgarter Ballett.